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Mit Menschen für Menschen

 

hr klametMehr als 40 Jahre hat Ehrhard Klamet für Kirche und Caritas gearbeitet. Jetzt geht der Sozialarbeiter Gott sei Dank nicht ganz in den verdienten Ruhestand.
Von Thomas Emons

Mülheim an der Ruhr. Deutschland ist ein reiches Land. Im Weltmaßstab stimmt das. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt auch die Armut. Der Sozialarbeiter Ehrhard Klamet hat immer genau hingeschaut. Es war sein Beruf, seine Berufung. Als hauptamtlicher Mitarbeiter der Caritas hat er dafür gesorgt, dass die professionellen Sozialdienste und die ehrenamtliche Gemeindecaritas Hand in Hand gearbeitet und sich gegenseitig befruchtet haben.

„Es ging mir darum, den Blick für die Armut zu schärfen und dafür zu sorgen, dass die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Caritas nicht nur auf ihre eigene Arbeit schauten, sondern immer auch die Arbeit der anderen im Auge behielten“, sagt Klamet. Jetzt geht er nach mehr als 40 Jahren im Dienste der Kirche und der Caritas in den Ruhestand. Seine hauptamtlichen Aufgaben übergibt er an die 49-jährige Diplom-Pädagogin Monika Schick-Jöres, die als Familienmanagerin bisher das Projekt Familienstart geleitet hat.

 

 

 


Doch der 65-jährige Familienvater Erhard Klamet will auch als Rentner nicht nur Fahrrad fahren, sondern als ehrenamtlicher Mitarbeiter der katholischen Ladenkirche und der Gemeindecaritas in seiner Heimatpfarrei St. Mariä Himmelfahrt aktiv bleiben. Denn als Sozialarbeiter, der Mülheimer Sozialgeschichte miterlebt und mitgestaltet hat, weiß er, dass trotz mancher Fortschritte noch viel zu tun bleibt.

„Der Bildungsarmut haben wir mit unserem Engagement in der offenen Ganztagsgrundschule spürbar entgegengewirkt, aber der Sozialhilfepegel und die Zahl der Menschen, die zum Beispiel durch Krankheit, Trennung, oder Arbeitslosigkeit unverschuldet in Armut geraten, ist gleich geblieben“, zieht er Bilanz. Mit Blick in die Zukunft und auf den demografischen Wandel, sieht er die Zunahme der vereinsamten Senioren, aber auch die Nachwuchsgewinnung für die Gemeindecaritas als Herausforderung. Es sind vor allem die Hausbesuche der stadtweit 300 ehrenamtlichen Caritasmitarbeiterinnen, die Not erkennen lassen und die von ihnen zweimal jährlich durchgeführten Haussammlungen, die die Caritas in die Lage versetzen, Menschen in einer Notlage auch finanziell unter die Arme zu greifen. Mal geht es um Kleidung für die Kinder, mal um die Übernahme familiär oder beruflich erforderlicher Fahrtkosten. Und mal müssen vielleicht neue Möbel oder Haushaltsgeräte angeschafft werden. Auf rund 300 schätzt Klamet die Zahl der entsprechenden Hilfsanfragen, die bisher jährlich über seinen Schreibtisch im Caritaszentrum an der Hingbergstraße gegangen sind.

Doch auch die Gemeindecaritas braucht Menschen, die ihr finanziell oder ideell helfen, damit sie helfen kann. Nicht ohne Sorge sieht er die Überalterung der vor allem weiblichen Caritashelfer in den Gemeinden, die eine Nachwuchswerbung dringend erforderlich macht. Dafür möchte sich Klamet ebenso weiter engagieren, wie in der persönlichen Überzeugungsarbeit dafür, dass die Spenden für die Haussammlungen der Caritas unverzichtbar sind, weil sie schnell, gezielt und flexibel zur Linderung akuter Not eingesetzt werden können. Diese Überzeugungsarbeit tut Not, weil die Erlöse der Caritashaussammlungen zwischen 2001 und 2011 von 81.000 auf 54.000 Euro zurückgegangen sind.

Überzeugungsarbeit, daran erinnert sich Klamet noch sehr gut, musste er auch in den 90er Jahren leisten, als es um die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen und Zuwanderern ging. Damals hörte er auch in katholischen Gemeinden nicht selten: „Wenn diese Leute sich hier zu wohl fühlen, bleiben sie am Ende noch hier.“ Dann brachte er auch schon mal die biblische Flüchtlingsgeschichte der Heiligen Familie ins Spiel, um deutlich zu machen, „dass man die Würde und Selbstständigkeit von Menschen untergräbt, wenn man sie nicht in normalen Wohnungen leben lässt.“ Dass das heute sozialpolitisches Allgemeingut geworden ist und die Wohncontainer kein Thema mehr sind, sieht der Sozialarbeiter als eines seiner größten Erfolgserlebnisse. Zu diesem Erfolgserlebnis gehört auch die Integrationsarbeit, die die Caritas seit dem mit und für Zuwandererfamilien geleistet hat. „Die meisten Deutschen sehen nicht, dass die meisten Zuwanderer sich integrieren wollen und sehr bildungsorientiert sind, weil sie wollen, dass es ihren Kindern einmal besser geht, als ihnen selbst“, unterstreicht Klamet.

Doch wenn der gelernte Industriekaufmann, der auf dem zweiten Bildungsweg Sozialarbeit studiert hat, „weil ich damals durch mein ehrenamtliches Engagement im Vorstand des Bundes der deutschen katholischen Jugend gemerkt habe, wie viel Freude es macht, zusammen mit anderen Menschen für Menschen zu arbeiten“, sieht in der Rückschau auf sein langes Arbeitsleben für Caritas und Kirche auch Misserfolgserlebnisse, die ihn bis heute schmerzen. „Denn das die kirchliche Jugendarbeit in den Gemeinden heute rückläufig ist“, glaubt der ehemalige Stadtjungendreferent Klamet, „hat nicht nur gesellschaftliche Ursachen, sondern hat auch damit zu tun, dass sie heute keine professionellen Impulse aus dem katholischen Jugendamt bekommt, das 2007 aus finanziellen Gründen aufgelöst worden ist.“

In der Rückschau bleibt aber trotz dieses Wehrmutstropfens das „glückliche Gefühl, dass ich trotz aller notwendigen Abstimmungen frei, selbstbestimmt und gestalterisch für Kirche und Caritas arbeiten konnte.“